20.04.2026

Romschütz: Chronik einer zähen Wacht

Das Erwachen aus dem Pergament (1254–1435) Am 1. November 1254 steigt der Name Romschütz aus dem Pergament wie aus dunklem Wasser. Westlich von Altenburg, im Tal des Kleinen Jordans, zwischen den weichen Wellen des Zeitzer-Altenburger Lösshügellandes, liegt ein Flecken Erde, der früh mehr war als nur ein Dorf. An der alten Geraer Straße öffnet sich […]

Das Erwachen aus dem Pergament (1254–1435)

Am 1. November 1254 steigt der Name Romschütz aus dem Pergament wie aus dunklem Wasser. Westlich von Altenburg, im Tal des Kleinen Jordans, zwischen den weichen Wellen des Zeitzer-Altenburger Lösshügellandes, liegt ein Flecken Erde, der früh mehr war als nur ein Dorf. An der alten Geraer Straße öffnet sich von hier ein weiter Blick auf Altenburg, nach Norden und Westen schließt ein Kranz von Dörfern das Bild.

Die sprachliche Wurzel des Namens liegt in den zugänglichen Quellen im Halbdunkel. Historisch greifbar ist zuerst die enge Bindung von Ort und Geschlecht: In frühester Zeit gehörte das Gut einer pleißenländischen Adelsfamilie, die sich nach dem Sitz „von Romschütz“ nannte und ein Kreuz im Wappen führte. Ort und Herrensitz trugen also früh denselben Namen; aus dieser alten Verschränkung wächst das historische Gesicht von Romschütz. Der eigentliche Stifter des Ritterguts steht hinter dem Schleier der Frühzeit. Was die Quellen freigeben, ist der Kern: Aus einer mittelalterlichen Wasserburganlage erwuchs hier das Rittergut. Wassergraben, gesicherte Zugänge, Vorrat, Acker, Abgabe, Hausgesinde, Stall und Speicher – so sah die Ordnung solcher Orte aus.

Das Geschlecht der Zschadras und der Honig der Zeit (1435–1700)

Nach 1435 nahm die Familie von Zschadras den Sitz in ihre Hand und hielt ihn über zwei Jahrhunderte. In solchen langen Besitzfolgen sammelt sich Zeit wie dunkler Honig: Balken werden erneuert, Mauern nachgesetzt, Kinder ins Haus geboren, Felder wieder und wieder unter Pflug genommen. Als das Geschlecht erlosch, trat Romschütz für eine Weile in die Sphäre des fürstlichen Kammerguts. Über dem Dorf wechselten danach die Herzogshüte und Amtsstuben: das wettinische Amt Altenburg, die ernestinischen Teilungen mit Sachsen, Sachsen-Weimar, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Gotha-Altenburg, sodann 1826 erneut Sachsen-Altenburg, später Ostkreis und Landratsamt Altenburg, nach 1918 der Freistaat Sachsen-Altenburg, ab 1920 Thüringen und ab 1922 der Landkreis Altenburg. Der Hof blieb bei all diesen Wechseln derselbe alte Körper aus Land, Pflicht und Dauer.

Die barocke Gebärde und das gläserne Erbe der Bachoffs (1700–1846)

Um 1700 hebt eine neue Schicht an, heller, geordneter, von barocker Hand geführt. Die Freiherren Bachoff von Echt übernahmen das Gut. Johann Friedrich I. Bachoff von Echt, von Zeitgenossen als ein Mann von seltener Volltrefflichkeit des Geistes und des Herzens gerühmt, gab Romschütz seine große barocke Gebärde. 1712 entstand an der Stelle der alten Wasserburg das Herrenhaus: ein rechteckiger Bau mit überhöhtem Mittelrisalit an der Nordseite, ein großes Viereck, vom Wasser umfangen. Im zweiten Obergeschoss lagen die Gesellschaftsräume, um 1770 im Rokokostil dekoriert. Mit dem Haus kam der Garten. Nach 1712 wurde die barocke Gartenanlage gelegt, eine Allee führte zum Parnass, auf der Anhöhe stand im 18. Jahrhundert ein Lusthäuschen chinesischer Art, und aus dem Rokokosaal glitt der Blick über Wasserbecken und Gartenachsen bis an den Rand des Himmels. Romschütz trug nun Rittergut, Gartenkunst und Weltläufigkeit in einem Atem.

In Lutschütz entstand um 1720 eine dem Rittergut Romschütz gehörige Wassermühle, weil der durch Romschütz laufende Schwanditzbach für verlässlichen Mühlenbetrieb zu wenig Wasser gab. Solche Einzelheiten sind Goldstaub der Geschichte: Sie zeigen, wie genau ein Gut in die Landschaft hineingriff, wie es Wasser fasste, Wege prägte, Arbeit verteilte und selbst die Mühle dorthin setzte, wo das Gefälle trug. Von 1769 an wirkte Friedrich Justin Bertuch für einige Jahre als Hauslehrer auf dem Gut Romschütz. Zwischen Stallgasse, Gartenachse und Saalgespräch trat Bildung an den Tisch; das Rittergut war hier längst mehr als Kornspeicher und Abgabenstelle, es war auch ein Haus der Formen, des Umgangs und der Lesekunst.

Die Matthäuskirche und das Lamm als Wächter der Zeit (1725–heute)

Auch das Dorf selbst wurde in dieser Zeit neu gefasst. Die ältere Kirche fiel 1725; bis 1737 erhob sich auf ihrem Grund die barocke St.-Matthäus-Kirche unter Gottfried Samuel Vater, ein achteckig gestreckter Zentralbau, von stiller Würde und später oft mit einem verjüngten Abbild der Dresdner Frauenkirche verglichen.

Hoch oben über dem Altenburger Hügelland hält die St.-Matthäus-Kirche eine zähe, jahrhundertelange Wacht. Wer den Blick hebt, erkennt auf der Spitze ihrer barocken Haube ein ungewöhnliches Symbol: Ein kupfernes Lamm, das dort bereits seit 1733 thront – aufgesetzt noch vor der offiziellen Einweihung des Baus im Jahr 1737. Es ist dieses Tier, das der Kirche ihren volkstümlichen Namen verlieh und sie als „Schafskirche“ weit über die Grenzen von Romschütz hinaus bekannt machte.

Die Legende hinter diesem Wächter erzählt vom „glücklichen Sturz“: Während der Bauarbeiten verlor ein Handwerker das Gleichgewicht und stürzte in die Tiefe. Doch das Schicksal war ihm gewogen, denn er landete inmitten einer Schafherde, die am Fuße des Kirchenhügels graste. Während einige Tiere den Aufprall mit dem Leben bezahlten, überlebte der Arbeiter fast unbeschadet. Zum Dank für diese Rettung wurde das Lamm als Sockel der Wetterfahne in den Himmel gehoben – eine Verbindung aus tiefer Dankbarkeit und der ländlichen Identität einer Region, die seit jeher von der Landwirtschaft geprägt ist.

Doch die Standhaftigkeit der Kirche ist nicht nur Legende, sondern das Ergebnis stiller, beharrlicher Ausdauer. Zwischen 1999 und 2015 wurde der Bau Schritt für Schritt gesichert und restauriert. Es war eine Arbeit, die Stein, Holz, Schiefer und Orgel ihre Würde zurückgab und schließlich 2016 mit dem Thüringer Denkmalschutzpreis gewürdigt wurde. In dieser Phase offenbarte sich der wahre Charakter von Romschütz: Ein Ort, der aus der Beständigkeit lebt.

Das bürgerliche Jahrhundert und das rote Urteil des Feuers (1846–1945)

Im 19. Jahrhundert traten andere Hände an die Zügel. 1846 erwarb der Staatsrat Sonnenkalb das Gut. Danach kam es an Gustav Meinert aus Oelsnitz; nach dessen Tod 1882 ging es an seinen Sohn Eugen. Über den Akten dieser Jahre liegt jener nüchterne Ton des bürgerlichen Jahrhunderts, und doch schlug im Hof weiter der alte Pulsschlag des Landes.

Dann kam das Feuer mit seinem roten Urteil. 1909 fraß es die alte Gutsscheune und den großen Speicher des Ritterguts. Der Schlag traf den Wirtschaftsleib des Hofes an empfindlicher Stelle. Aus derselben Wunde stammt die nächste Schicht der Anlage, denn nach diesem Brand wurden Scheune und Stallgebäude neu errichtet. 1910 folgte ein weiterer Brand im Ort, an der Hauptstraße 13. Aus solcher Erfahrung erwuchs Ordnung. Um 1925/26 schlossen sich Göhren, Romschütz, Gödern, Lossen und Lutschütz zu einem Feuerlösch- und Spritzenverband zusammen; eine der beiden Spritzen stand in Romschütz. Am 21. Dezember 1935 wurde die Freiwillige Feuerwehr Romschütz mit 21 Gründungsmitgliedern bekanntgegeben, 1941 kam die erste Motorspritze. Auch dies gehört zur Hofgeschichte: Feuer, Wiederaufbau, gemeinsames Einstehen.

Verlust, Erinnerung und die Wandlung zum Meisterhof (1945–heute)

Nach 1945 legte sich eine neue Staatsordnung über die alten Fluren. Am 1. Juli 1950 wurde Romschütz nach Göhren eingemeindet. 1952 folgte die Einordnung in den Kreis Altenburg des Bezirks Leipzig; seit 1990 führte der Weg wieder nach Thüringen, 1994 in den Landkreis Altenburger Land. Schon 1960 stand die ehemalige Wasserburganlage unter Bodendenkmalschutz. 1972 traf den Ort der tiefste Verlust seiner neueren Geschichte: Das Schloss wurde abgebrochen, der Waal-Teich mit den Schuttmassen eingeebnet. Die Wirtschaftsgebäude blieben stehen. Teile des Interieurs wanderten nach Bad Lauchstädt in den Pavillon des Goethe-Theaters. Seit Mai 2024 erinnern im Papiermuseum der alten Papierfabrik Fockendorf ein Modell des verschwundenen Wasserschlosses und Fotografien an das verloschene Haus. Romschütz trägt also auch die Kunst des Erinnerns in seiner Substanz.

Diese Kontinuität des Handwerks und der Reifung findet sich auch unterhalb des Kirchenhügels wieder. Aus dem ehemaligen Rittergut wurde ein Ort der Ausbildung und erhielt den Namen "Meisterhof" - zuletzt Berufsschule für Meister im Handwerk – Schulungsstätte Romschütz der Innova Privat-Akademie Altenburg GmbH an der Hauptstraße 4–5. In dieser Phase kehrte der Hof auf eigentümliche Weise zu seiner alten Natur zurück. Wieder ging es um Werk, um Fertigkeit, um die Reifung einer Hand, die dem Stoff gewachsen ist. Seit 2022 wirkt hier der gemeinnützige Verein Forschung im Freien; der historische Vierseitenhof trägt heute freie Lernräume, generationsübergreifende Gemeinschaft und ökosoziale Bildungsprojekte.

Aus dem Hochmittelalter in den Horizont des Jetzt gewachsen

So steht Romschütz heute da, klein an Einwohnerzahl, groß an geschichtlicher Schwere. Um 2012 lebten hier 150 Menschen. Unter ihren Füßen ruht das Hochmittelalter, in ihren Blicken steht noch die barocke Fernsicht, in den Mauern arbeiten Brandnarben, Umbauten, Schuljahre und neue Anfänge.

Der Hof, der heute Meisterhof heißt, führt den alten Faden weiter. Einst wuchs hier aus Wasserburg und Rittergut eine Ordnung des Schutzes, der Versorgung und des Maßes. Später kam die Form des Barock hinzu, später die Schulung des Handwerks. Heute wächst aus denselben Mauern ein zukunftsweisender Gemeinschaftsort. Hier reichen einander die Meisterwürde des Handwerks und die innere Meisterschaft der Haltung die Hand. So wird an diesem Ort die soziale und materielle Statik eines alten Hofes weitergeführt – präzise, behutsam, mit offenem Herzen für das, was trägt.

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